Von:
Rainer Kiefer

e-missionieren.de

Missionieren – wie beschreibe und erkläre ich, was Christen von Anfang an umgetrieben und bewegt hat? Die Botschaft Jesu weiterzutragen, vom Glauben zu erzählen, zur Nachfolge einzuladen – darum geht es im Grunde. So verstehe ich auch den Auftrag Jesu an seine Jünger: Mir ist alle Macht gegeben, im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alle zu halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt. (Mt. 28,18-20)

In Niedersachsen haben wir 2008 mit relativ großem Aufwand den 200. Geburtstag von Ludwig Harms begangen, dem Vater der Missionsbewegung in der Lüneburger Heide und dem Gründer des Missionswerkes in Hermannsburg. Um zu verstehen, was Mission bedeutet, lohnt es an ihn zu erinnern; an seine Sehnsucht die Botschaft vom kommenden Reich Gottes in die Welt zu tragen, so dass nicht nur im eigenen Land, sondern auch weit entfernt in Afrika Menschen zum Glauben kommen konnten. Vom Bau der Kandaze könnte ich dann erzählen, jenem Schiff, das die jungen Missionare und Kolonisten nach Afrika bringen sollte, von der Gründung eines Seminars in Hermannsburg, das junge Bauern und Handwerker zurüsten sollte für den Dienst in der Mission; auch auf die Entwicklungen in den „jungen“ Kirchen in Äthiopien, Indien und im Südlichen Afrika müsste ich eingehen, die aus der missionarischen Arbeit entstanden sind und davon, dass heute ökumenische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch bei uns Verkündigung treiben und zum Glauben einladen.

Die Missionare hatten eine Vision. Sie wollten weitertragen, was ihr Leben reich machte; sie wollten auf diese Weise Gott dienen, er hatte sie doch beauftragt und ausgesandt. Wenn wir Christen die Gute Nachricht weitertragen, dann müssen wir auch von uns erzählen, damit deutlich wird, was der Glaube für Menschen bedeuten kann; dass er Mut macht und Hoffnung schenkt, dass er befreien und trösten kann. Ich denke etwa an drei Frauen, denen ich in einem Dorf nicht weit von Omsk in Sibirien begegnet bin. Marie, Johanne und Elvira, alle drei um die 80 Jahre alt und die letzten „Säulen“ einer alten lutherischen Gemeinde. Die meisten Mitglieder der russlanddeutschen Gemeinde sind nach Deutschland ausgereist oder inzwischen gestorben, der Zeitpunkt ist gekommen, das Bethaus der Gemeinde zu schließen. Wir drei sind zu alt, sagt Johanne dem Pastor, die Kraft ist einfach nicht mehr da, wir können das Bethaus nicht mehr versorgen. Verabschieden wollen sie sich darum von dem Ort, in dem Gott zuhause war, in dem sie gesungen und gebetet, geweint und gelacht haben.

Und so haben wir uns in dem Betsaal getroffen, die drei Frauen in schönsten Sonntagskleidern und mit bunten Kopftüchern, Menschen aus der Gemeinde und wir – Gäste aus Deutschland. Und die drei haben erzählt aus den vergangenen Jahren, von Tauffeiern, bei denen Betsaal und Garten voll von Menschen waren, und von den Predigern, die die Gemeinde gestärkt und ermutigt haben, die dann aber auch nach Deutschland gingen. Und Marie, Johanne und Elvira haben für uns gesungen, die alten, melancholischen Lieder aus der Brüdertradition. Und wir haben Gott gedankt für die guten Begegnungen in diesem Haus, für all das, was Gott an Segen bereit gehalten hat. Und der Pastor erinnerte daran, dass Gott ein mitwandernder Gott ist, der mitgeht, wenn Menschen auf dem Weg sind, der nicht auf Dauer ein festes Haus braucht, der da ist, wo Menschen nach ihm fragen.

Dann haben wir miteinander Abendmahl gefeiert und miteinander das Vater unser gebetet; ja, und dann haben wir alles heraus getragen, was dieses Haus zum Betsaal gemacht hat. Das Kreuz, den Altartisch, die schlichte Kanzel, Bilder mit religiösen Motiven, Gesangbücher und Bibeln. Nun konnten die drei Schwestern die Tränen nicht mehr zurückhalten, das Bethaus war doch ein Teil ihres Lebens; ein schöner Abschied, sagen sie, aber doch so schwer; aber es hat uns Kraft gegeben, sagen sie, "Gott befohlen"- und kommt wieder!

Missionieren. In jeder Generation ist neu zu fragen, was die angemessenen Formen sind, um die Botschaft des Glaubens weiter zu tragen. Für die Missionare, die aus der Lüneburger Heide kamen und im Zululand in Afrika ihre Arbeit begannen, waren es andere als für die Prediger der Brüdertradition in den Weiten Russlands; und wir stehen heute in unserer postmodernen Welt vor ganz neuen Herausforderungen; aber auch hier gibt es interessante Modelle und Ideen. Die Begegnung mit den drei Frauen in Sibirien hat mich fragen lassen, wie mich der Glaube erreicht hat, in welchem Maße er mein Leben bestimmt und worin mein persönlicher Beitrag besteht, ihn weiter zu tragen. Missionieren – das meint einladen, das Gespräch suchen, das bedeutet aber auch Zeugnis geben, und einstehen für das, was meinem Leben Orientierung, Halt und Hoffnung gibt.